Karte im Detail: Der Teufel

Der Teufel. Alle Abbildungen: Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlages, Krummwisch, © Königsfurt-Urania Verlag, Krummwisch / Deutschland. www.koenigsfurt-urania.com

Der Teufel ist – neben den 8 Schwertern, dem Gehängten und ein paar weiteren Karten – ein Paradebeispiel einer missverstandene Karte.

In einer der grundlegenden Betrachtungen – Umgang mit multiplen Persönlichkeiten – haben wir uns den Teufel bereits etwas näher angesehen. Ich kenne übrigens kaum ein Tarot-Buch, das die Karte „Der Teufel“ wirklich positiv würdigt.

Wir werden in künftigen Beiträgen dieses kleinen Blogs noch sehen, dass auch keine einzige der anderen klassischen „negativen Karten“ tatsächlich eine negative Bedeutung hat: der Gehängte, der Tod, der Teufel, der Turm, 5 der Münzen, die meisten Schwerter-Karten, 5 der Kelche, 7 der Kelche, 7 der Stäbe, 9 der Stäbe, 10 der Stäbe usw. Das alles allerdings vor dem Hintergrund der von mir vorgeschlagenen psychologischen Perspektive auf die Karten. Andere Sichtweisen mögen durchaus auch zu anderen Schlüsse kommen.

Woher stammt der Teufel?

Wenn wir in die vorchristlichen Wurzeln der Idee vom Teufel zurückblicken, dann stoßen wir im Alten Testament (bzw. im Tanach) auf einen ganz anderen Teufel: Als „Satan“ wird da die Rolle eines Anklägers am göttlichen Gerichtshof bezeichnet, einzunehmen jeweils von einem ganz „normalen“ Engel. In der bekannten Geschichte um Hiob wirft ein solcher Satan Gott vor, dieser Hiob sei doch nur deshalb so fromm und Gott ergeben, weil es ihm – dank der Gunst Gottes – so gut gehe. In Folge beauftragt der solchermaßen herausgeforderte Gott seinen Satan also, den armen Hiob schwer zu plagen: Hiob verliert seinen gesamten Besitz, dann seine Familie und schließlich seine Gesundheit. Am Ende, nach einigen Irrungen und Wirrungen ist bewiesen, dass Hiob auch in dieser misslichen Situation Gott noch immer ergeben bleibt. Interessant dabei ist die Rolle des Satans: Er bekommt von Gott ganz genaue Anweisungen, was er zu tun und zu lassen hat und er befolgt sie auch!

Auch der Gott dieser alttestamentarischen Geschichten ist für uns heute ungewohnt: er ist sehr archaisch, eifersüchtig, oft sogar rachsüchtig und ziemlich brutal, denken Sie nur an die Geschichte mit der Sintflut. Ein „lieber“ Gott war das eher nicht. Eine Abspaltung der zerstörerischen Kräfte fand erst viel später statt – das war dann die „Geburtsstunde“ der Vorstellung vom Teufel.

Blick über den Tellerrand: In einer speziellen Form des Buddhismus, dem Vajrayana, geht die Integration des Schattens in das Göttliche noch sehr viel weiter als bei Hiob: Bei einigen sehr fortgeschrittenen Meditationstechniken werden die drei Geistesgifte Zorn, Begierde und Unwissenheit sogar zur Erlangung der Erleuchtung eingesetzt.

Der Satan scheint ansonsten ursprünglich gar nicht das abgrundtief Böse gewesen zu sein, sondern hatte eine sozusagen dialektische Funktion inne, die man heute noch im „Advocatus Diaboli“ findet, also jemandem, der die bestehenden Grundsätze hinterfragt und als Diabolos (griechisch: „Durcheinanderwerfer“) frech die Dinge in Frage und auf den Kopf stellen darf.

C. G. Jung hat darauf hingewiesen, dass wir einen Nachklang dieser alttestamentarischen Ambivalenz noch im Vaterunser finden: „Und führe uns nicht in Versuchung“ passt wohl eher zum großen Versucher, dem Teufel [vgl. Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen, Edition C. G. Jung, Patmos, Bd. 9/I].

Manche der moderneren Aspekte des Teufels entstammen auch aus „Marketing-Maßnahmen“ der frühen alttestamentarischen Religion gegen konkurrierende lokale Gottheiten – wo z.B. ein an sich harmloser Wetter- und Fruchtbarkeitsgott Baal zu Beelzebub, dem Herrn der Fliegen umgedeutet wurde.

Tugenden und Sünden im Tarot (und warum der Teufel auch da nicht für „das Böse“ steht)

Wir haben bereits in den Grundlagen-Kapiteln gesehen, dass es eigene Karten für die vier Kardinalstugenden gibt (Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit / Kraft und Weisheit / Eremit) . Wenn nun der Teufel im Tarot eine Darstellung „des Bösen“ ist, müssten dann nicht zumindest irgendwo Abbildungen für die sieben Todsünden (oder Haupt-Laster) zu erwarten sein? Wer es nicht mehr weiß: Wir sprechen dabei von Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit. Von der reinen Bildsprache ist es schwer, auch nur eine einzige der Todsünden in der Karte „der Teufel“ (oder in einer der anderen großen Arkanen) auszumachen. Der Tarot scheint sich irgendwie mehr um die Tugenden zu kümmern…

Der Tarot stellt damit weniger die Gesamtheit alles möglichen Lebens und Erlebens dar, als vielmehr einen spezifischen Pfad des inneren Wachstums, des Reifens und – so hätte C. G. Jung es genannt – der Individuation. Das erschwert freilich das „Wahrsagen“ mit den Karten, weil es aus dieser Sicht heraus nicht wirklich Material für die Darstellung der mannigfaltigen Gefahren und Misslichkeiten des Lebens gibt, aber es fördert dafür einen Zugang zu den Karten der da lautet: „Hey, schau Dir mal meinen Rat näher an, vielleicht ist das ja genau der passende nächste Entwicklungsschritt für Dich?“

Der Teufel als Schatten

In der Analytischen Psychologie C. G. Jungs ist der Schatten ein Teil unserer Psyche, der neben unserer aufpolierten, sozial angepassten und manchmal auch inszenierten „Persona“ diejenigen psychischen Inhalte von uns enthält, die wir ablehnen, die wir an uns selbst peinlich finden und die wie vielleicht sogar fürchten.

Darunter fallen auch verdrängte Wünsche und gescheiterte (Lebens-)Träume. Passt da nicht gut, dass der Teufel seine Fackel nach unten hält, hin zur „Unterwelt“, wo es noch dunkler ist? Der gruseligste Moment in der Geisterbahn ist der, wenn ein Licht auf eines der Monster fällt. Und hier stehen unsere eigenen beiden Monster, die vielleicht schon Jahrzehnte im Dunkel der Verdrängung angekettet sind. Das müssen gar nicht „böse“ oder „sündige“ Schattenseiten sein. Im Gegenteil, oft sind das ganz harmlose Dinge. Ein verdrängter Wunsch nach Emotionalität vielleicht bei einem mit sich und seinen Mitarbeitern allzu harten Manager, die Mutter von 4 Kindern, die sich nie ihren Wunsch nach etwas Ruhe und Zeit für sich selbst eingestehen konnte, der unerfüllte Traum, ein bestimmtes Studium zu ergreifen und vieles mehr.

Und freilich gibt es auch Schatten-Inhalte, bei denen wir gut daran tun, sie abzulehnen.

Es wird also nicht darum gehen, einfach sämtliche Schatten-Inhalte in uns irgendwie auszuleben, nach dem Motto: „lass doch mal die Sau raus“. Aber anschauen sollten wir sie uns durchaus (soweit sie uns eben bewusst zugänglich sind) und dabei müssen wir oft akzeptieren, dass wir leider gar nicht so perfekt sind, wie wir uns das vielleicht wünschen würden.

Mit der Frage der bewussten Zugänglichkeit berühren wir die nächste Eigenschaft des Schattens: größere Teile von ihm sind uns nicht bewusst. Wir können Hinweise auf sie zum Beispiel dadurch gewinnen, wenn wir bestimmte Menschen und deren Eigenschaften ganz spontan und ohne offensichtlichen persönlichen Bezug ablehnen, verabscheuen oder gar hassen. Wenn ich stets friedfertig auftrete (und mich selbst dabei auch als unbedingt friedfertigen Menschen wahrnehme!), aber sehr heftig auf etwas weniger friedfertige Zeitgenossen reagiere, dann sollte ich näher hinsehen, denn mein Schatten könnte in einer verdrängten Aggressivität bestehen. Das gilt ganz besonders dann, wenn mir diese Zeitgenossen persönlich rein gar nichts getan haben.

Je mehr man nun den eigenen Schatten verdrängt und abspaltet, desto wahrscheinlicher wird er sich irgendwo bemerkbar machen. Sehr häufig fangen wir dann an, den Schatten auf andere zu projizieren. Wenn wir uns dabei in der Politik umsehen, dann kommt es manchmal zu Gruppierungen und Parteien, die ganz massiv Feindbilder aufbauen, denen dann alle möglichen Schatten-Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Feindbilder betreffen freilich nicht mehr einzelne verhasste Personen wie beim individuellen Schatten, sondern ganze Bevölkerungsgruppen.

Nehmen wir nur Hitlers Verbrechensregime, das die halbe Welt in gezieltem Machtkalkül mit millionenfachem Mord, Krieg und Elend überzogen hat, das aber den Juden nichts weniger als eine Weltverschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft angedichtet hatte. Was für eine monströse Schattenprojektion!

Im politischen Raum betreten wir übrigens die Ebene von kollektiven Schatten, die eine größere Gruppe von Menschen vereint und die somit die Projektionen umso gefährlicher macht, weil sie dann mit einem „wir“ verbunden sind, das im Rausch eines Gemeinschaftserlebens individuelle Skrupel sehr leicht einmal beiseite schiebt.

Wenn Sie heute irgendwo (gerne in sozialen Medien) Hassparolen lesen, dann beruhen die meisten davon auf Projektionen des eigenen (oder eines kollektiven) Schattens auf andere.

Zurück zur Karte: Das Bühnenbild

Wir erkennen zunächst einen schwarzen Hintergrund. Es ist tiefste Nacht oder wir befinden uns in einem fensterlosen Raum. Die „Bühne“ ist ansonsten ziemlich übersichtlich. Auf einem mit nur wenigen Strichen skizzierten Boden steht ein schwarzer Quader, an dem zwei Ketten befestigt sind. Abgesehen von den Figuren selbst war’s das, dominant ist die Farbe Schwarz, gefolgt von Schattierungen der Hautfarbe sowie grau.

Drei Figuren sind aufgestellt: Zwei davon sind an den Quader gekettet, ansonsten sieht man noch den Teufel selbst, der auf dem Quader hockt und mit den Händen eine Geste „wie oben so unten“ macht, die an den Magier, aber auch (deutlich weniger ausgeprägt) an die Gerechtigkeit erinnert. Noch ein interessantes Detail: Der Teufel hält seine Fackel nach unten, der Magier seinen Stab nach oben, ganz ähnlich wie viele Darstellungen von Cautopates und Cautes aus dem altpersischen Kult um den Sonnengott Mithras, die für den Herbstpunkt und den Frühlingspunkt im Jahreslauf stehen.

Damit werden wir uns noch beschäftigen müssen. Eine weitere „klassische“ Parallele ist freilich die Karte „Die Liebenden“, die schon aufgrund der numerologischen Verwandtschaft der 15 des Teufels mit der 6 der Liebenden nahe liegt (die Quersumme von 15 ist die 6). Hier ist zwar die Handgeste eine andere, aber wir finden dafür eine sehr ähnliche Aufteilung des „Personals“ in eine große, dominante und beflügelte Figur (Teufel, bzw. Erzengel Raphael) und davor zwei kleinere (das angekettete Paar, bzw. Adam und Eva).

Aber auch der Hierophant hat die gleiche Bildstruktur: der prominente Priester (mit Segnungsgeste der einen Hand und liturgischem „Instrument“ in der anderen) und seine beiden etwas verkleinerten Adepten im Vordergrund. An der Stelle der Flügel sehen wir zwei massive graue Säulen.

Bereits im Grundlagenkapitel zum „Umgang mit multiplen Persönlichkeiten“ hatten wir gesehen, dass es sich lohnt, verschiedene Perspektiven bei Karten einzunehmen, auf denen mehrere Figuren dargestellt werden. Letztlich können wir alles – bis hin zum schwarzen Steinblock, an den die kleinen Unterteufelchen gekettet sind – als symbolische Darstellung unseres psychischen Geschehens werten.

Körpersprache im Detail

Werfen wir doch einen Blick auf die Körpersprache unserer Akteure: Neben der plakativen Geste des Teufels gibt es wie ich finde noch eine weitere interessante Geste: Das männliche Unterteufelchen stemmt eine Hand in die Hüfte und streckt die andere Hand mit offener Handfläche in Richtung der linken Bildhälfte, also hin zum weiblichen Unterteufelchen. Der Kopf ist dabei leicht geneigt und zur weiblichen Figur hin gedreht.

Der Teufel – Detail Blick und Geste der kleinen Figuren

In einem ganz anderen Kontext würde man sagen: „ah, da fordert jemand seine Dame zum Tanz auf.“ Die nach oben offene Hand ist eine Bitte, die andere Person möge doch ihre Hand in die Seine legen und der in der Hüfte gestützte Arm soll das unterstreichen (und das vielleicht fehlende Selbstbewusstsein des Bittenden etwas aufpeppen). Auch der Blick passt dazu: Man(n) will nicht aufdringlich sein und senkt den Kopf und die Augen, so wie wir alle das regelmäßig im Fahrstuhl tun, um nur ja nicht aggressiv auf die anderen zu wirken.

Die Lady indes scheint noch zu zögern, ihre Haltung zeigt abgesehen vom Blickkontakt noch keine klare Zuwendung zu ihrem männlichen Gegenüber. Währenddessen brennt ihm schon die Rute, entfacht durch die Fackel des Teufels hat er offensichtlich bereits „Feuer untern Hintern“.

Nachtkarten im Tarot

Lassen wir die handelnden Personen einen Moment stehen und wenden wir uns nochmal dem Hintergrund der „Bühne“ auf dieser Karte zu. Außer dem Quader erkennen wir gar nichts, es ist tiefdunkel. Selbst wenn außerhalb unserer sichtbaren Kartenwelt die Sonne scheinen würde: hier ist es finsterste Nacht. Es gibt gar nicht so viele dieser Nachtkarten im Tarot von Smith und Waite: Bei den großen Arkanen ist es nur noch der Turm. Selbst der Tod und der Eremit (der immerhin einen Stern in seiner Lampe trägt) wandeln eher im Zwielicht und auch der Mond hat einen erstaunlich hellen Himmel hinter sich.

Keine einzige Hofkarte hat eine nächtliche Szenerie und auch bei den kleinen Arkanen sind es lediglich die 9 und 10 der Schwerter (letztere zeigt an Stelle eines echten Nachthimmels einen pechschwarzen Wolkenhimmel, der aber denselben Zweck erfüllt) sowie die 5 der Münzen. Aus psychologischer Sicht gehört auch noch die 3 der Münzen in diese Reihe: Die Szene spielt zwar vordergründig am Tage, hinter dem Torbogen befindet sich jedoch ein Gewölbe, voll mit schwarzer Nacht.

Das sind nun alle unsere „Kinder der Nacht“. 5 davon gehören zu den gefürchtetsten Karten bei so manchem „Wahrsage-Kartenleger“ (gerne auch online oder per Telefon). Aus psychologischer Sicht versuchen alle diese Karten, einen Blick auf das Unbewusste zu ermöglichen. Da das Unbewusste aber prinzipiell nicht für uns direkt erfahrbar ist, bleibt es finster und alles was wir erkennen sind die indirekten Spuren und Wirkungen des Unbewussten.

Das Unbewusste wird übrigens nicht nur durch die Schwärze der Nacht symbolisiert, sondern wir sollten auch auf alle Karten achten, die größere Gewässer zeigen: Die Hohepriesterin, deren Gewand sogar selbst zum Gewässer wird, die Herrscherin, bei der ein Gewässer direkt aus dem Wald (einem weiteren Symbol des Unbewussten!) fließt, der Wagen, hinter dem ein Fluss fließt, der Tod – ebenfalls mit einem Fluss hinter sich, die Mäßigkeit, die ihren Fuß ins Wasser steckt, der Stern, der Wasser vergießt, aber ansonsten sogar auf ihm stehen kann, der Mond, bei dem ein Krebs aus dem Wasser steigt und sich zu Hund und Wolf gesellt, und schließlich das Gericht, bei dem die ganze Welt im Wasser versunken zu sein scheint, auf dessen Oberfläche die offenen Särge der Auferstandenen schwimmen.

Und das sind nur die großen Arkanen. Die kleinen dürfen Sie jetzt gerne selbst nach Wasserstellen absuchen.

Symbolik

Der Teufel ist von Pamela Colman Smith mit einer Reihe von interessanten Symbolen ausgestattet worden. Die Fledermausflügel unterscheiden ihn deutlich von den anderen drei Engeln im Tarot (Die Liebenden, Mäßigkeit und Gericht). Interessanterweise sind Fledermäuse Tiere, die in Höhlen leben, deren Finsternis wie wir gesehen haben ein altes Symbol für das Unbewusste ist.

Tod – Umgekehrtes Pentagramm im Banner

Das umgekehrte Pentagramm ⛧ kennt jeder als Symbol der schwarzen Magie und Teufelsanbetung. Die 5 Ecken stehen für Hörner, Ohren und Ziegenbart des Teufels. Über die Symbolik des Pentagramms ließe sich alleine schon ein eigener Blog füllen. Mit einer Spitze nach oben ist es ein magisches Symbol, das – umschlossen von einem Kreis – die Pentakel im Tarot von Smith und Waite ziert. Die einzige Karte der großen Arkanen mit einem Pentakel ist der Magier, was zu seiner Funktion als Gegenpol des Teufels passt. Ein umgekehrtes Pentagramm findet man allerdings nur beim Teufel. Doch halt: Wenn wir die schwarze Flagge der Karte „Tod“ untersuchen, dann steckt darin ebenfalls ein umgekehrtes Pentagramm. „Tod und Teufel“ sind schon immer nahe beisammen gewesen. Während das Hauptthema der Karte „Tod“ das Loslassen ist, so scheint es beim „Teufel“ das Zulassen (von unerwünschten Anteilen unserer Psyche) zu sein.

Die Hörner und der Ziegenbart des Teufels sind übrigens die Hörner und der Bart des Hirtengottes Pan – neben Baal einer weiteren (ebenfalls ganz harmlosen) Gottheit, die vom Christentum zum Teufel umgedeutet wurde. Nach einer Darstellung ist Pan der Sohn von Hermes, dem Götterboten, Seelenführer und Gott der Magier.

Ok, wagen wir eine (wie immer vorläufige) Interpretation?

Das war zugegebenermaßen ein recht wilder Ritt durch Psychologie und Weltgeschichte. Vom Mithraskult zu alten und neuen Nazis und anderen Hatern. Von Baal zum kollektiven Unbewußten C. G. Jungs mit Aufforderung zum Tanz durch finsterste Nacht. Assoziationen „auf Teufel komm raus“, sozusagen.

Eine wichtige Botschaft der Karte scheint mir zu sein: Wir werden unseren Schatten nicht los. Er ist da, ziemlich mächtig ist er sogar, er dominiert alleine schon aufgrund seiner physischen Größe die beiden menschlicheren Figuren im Vordergrund. Und wir sind an ihn angekettet. Oder: Perspektivwechsel – nehmen wir die Position der großen Figur auf der Karte ein. Wenn wir uns besonders stark machen und ganz grimmig versuchen, unsere inneren Schatten im Zaum zu halten: die sind immer noch da, weil sie an uns angekettet sind. Egal wie wir es betrachten: Wir sollten uns damit abfinden, dass unser Schatten existiert. Und es wäre auch gar nicht gesund, wenn wir den Schatten allzu weit von uns wegschieben würden. Als Projektion auf andere, „fremde“ etwa.

Die Fackel des großen Teufels könnte übrigens etwas Licht in die Sammlung unserer Peinlichkeiten (=Schatten) bringen. Und gezielt zum Einsatz gebracht, kann unser Schatten uns „Feuer unterm Hintern“ machen, so wie der kleinen Figur rechts auf der Karte.

Wie bei der Geschichte um Hiob ist der Teufel derjenige in uns, der uns die wirklich unangenehmen Fragen im Leben stellt. Nämlich die, die wir ganz bestimmt nicht hören wollen. Er hinterfragt, ob so manches „Arrangement“ unserer Bequemlichkeit uns nicht in Wirklichkeit an einen starren Stein angekettet hat. Beruflich? Beziehung? Die Stagnation der persönlichen Entwicklung? Schon alles erreicht? War das alles im Leben?

Das Paar der kleinen „Unterteufel“ stellt zweifellos eine Dualität (männlich – weiblich) dar. Ein großer Teil des Tarots (und aller mir bekannten spirituellen Traditionen) beschäftigt sich mit der Überwindung der Dualität AN SICH. Der Schatten und die nach außen dargestellte Persona sind eine solche Dualität (ebenso wie „ich“ gegen „der Rest des unendlichen Universums“, usw.) Ist es da nicht bemerkenswert, dass ein Teil dieser Dualität dem anderen die Hand reicht? „Lass uns zusammen kommen.“ (Willst Du mit mir gehen? Ja / Nein / Vielleicht?)

Der Schatten gehört zu uns (und nicht zu irgend jemandem da draußen). Und die Parallelität zum Magier zeigt, dass wir es hier mit einer der ganz großen Kräfte zu tun haben. Wenn dem Magier sämtliche vier Elemente zu Diensten sind, dann gilt das für den Schatten mindestens ebenso. „Wie unten, so oben“: Das, was wir verdrängen und nicht als zu uns zugehörig akzeptieren (=“unten“) determiniert zu einem guten Teil unsere nach außen getragene „Persona“ (unsere gesellschaftliche Maske =“oben“). Nicht zuletzt heißt der Magier in früheren Tarots auch „Le Bateleur“, der Gaukler (oder gar Schmierenkomödiant), der nach außen eine Show abzieht, so wie wir unsere Persona nach außen darstellen. Im Gegensatz zum Magier hält der Teufel sein „Werkzeug“ – die Fackel – mit der linken Hand, die eher mit der emotionalen rechten Gehirnhälfte verbunden ist als die rechte, „rationale“ Hand des Magiers.

Bei der Betrachtung des Magiers sollten wir übrigens unbedingt den Teufel als Schatten des Magiers in Betracht ziehen.

Wie bei der Karte „Gerechtigkeit“ geht es auch beim Teufel um eine Balance. Die zu balancierenden Figuren sehen wir im Vordergrund: Ein Paar, das die Dualität „per se“ darstellt und dessen Gestik zeigt, dass es dennoch zur Vereinigung strebt und dabei sogar über den zentralen Quader aneinander gekettet ist.

Die klassische Parallele zur Karte „Die Liebenden“ ist schon oft diskutiert worden. Meist leider im Sinne von Gegensätzen der beiden Karten – wir neigen halt doch zum dualistischen Denken, wo immer uns das möglich ist. Was bedeutet nun diese ganz offensichtlich bewusst dargestellte Parallele? Die Karte „Die Liebenden“ handelt zu einem großen Teil vom freien Willen, auch von Herzensentscheidungen, bei älteren Tarots hat der Jüngling noch die Wahl zwischen zwei attraktiven Damen. Das ist bei Smith und Waite sehr clever durch die paradiesische Szene des Verzehrs einer Frucht des Baums der Erkenntnis ersetzt worden, Schlange inklusive. Eigentlich ist das sogar ein noch stärkeres Bild einer freien Willensentscheidung als die Wahl zwischen zwei Ladies, mit einem höchst interessanten zusätzlichen Aspekt:

Die Liebenden: Baum der Erkenntnis und Baum des Lebens

Die Frucht, die gepflückt wurde, war die Erkenntnis von Gut und Böse. Der Preis dafür war bekanntlich enorm: Wir konnten nicht mehr vom „Baum des Lebens“ kosten, der uns ein ewiges Leben verschafft hätte. So jedenfalls die Geschichte vom Sündenfall, der bekanntlich zur Vertreibung aus dem Paradies führte.

Das führt uns unmittelbar zur Frage: Warum zum Teufel sollte jemand so bescheuert sein, das Paradies und das ewige Leben zu verspielen?

Der Grund liegt darin, dass es erst die Erkenntnis von Gut und Böse ist, die uns einen sinnvollen Umgang mit dem Schatten ermöglicht! Ohne einen soliden moralischen Kompass können wir nie sicher sein, ob es sich um die anfangs skizzierten harmlosen Dinge handelt oder ob wir mit dem Ausleben unserer Schattenanteile nicht großen Schaden anrichten. Für uns übrigens nicht weniger als für andere, denn jedes von uns erzeugte Leid wird sich (karmisch und direkt) auch auf uns selbst auswirken.

Vor der Nutzung dieser Kräfte steht noch die erhebliche Hürde, dass uns alles in unserem Schatten unangenehm und peinlich ist. Aber es steckt dafür auch eine enorme Menge an Energie und Lebenskraft in diesen Inhalten unserer Psyche. Wenn es uns nun gelingt, diejenigen Schattenanteile zu leben, die tatsächlich unseren „moralischen TÜV“ geschafft haben, dann können wir aufgrund der darin liegenden Lebensenergie sehr viel gewinnen. Die anderen (ohne TÜV) sollten wir kennen und als Teil von uns selbst akzeptieren. Wir sind nicht perfekt.

Das klingt viel trivialer, als es in Wirklichkeit ist. Die Schatten sind definitiv nicht immer klar erkennbar und unser moralischer Kompass ist ganz bestimmt nicht davor gefeit, gelegentlich wirr und ziellos zu rotieren. (Vom kollektiven moralischen Kompass mal ganz zu schweigen.)

Letzte Parallele: der Hierophant.

Interessanterweise begegnen nicht wenige Tarot-Leger dem Hierophanten mit einer ordentlichen Portion Skepsis. Ist das nicht eine Karte die für das Establishment, für eine starre und verkrustete Kirche steht? Für Traditionalismus und in die Vergangenheit gerichteten Blick? Blinden Glauben? Gehorsam gegenüber der Institution?

Aber das ist eine arg triviale Sicht auf diese Karte. In älteren Tarots hieß sie „Der Papst“ (und die Hohepriesterin hieß dann „Die Päpstin“), auch noch beim bereits esoterischen Tarot von Oswald Wirth im Jahr 1889. Der Name der Karte wurde dann aber in „Der Hierophant“ geändert.

Einfach so, weil’s schicker klingt?

Der Name Hierophant stammt aus dem Demeter-Kult des antiken Griechenlands. Die Hierophanten waren die Eingeweihten in die damals streng geheimen Mysterien um die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, deren Tochter Persephone vom Unterweltgott Hades geraubt wurde, wieder zurück geholt wurde, aber fortan einen bestimmten Teil des Jahres immer wieder zu Hades zurück kehren muss: Dann vernachlässigt Demeter ihre Pflichten und es wird Winter. Kehrt Persephone zu Mutti zurück: Frühling!

Das ergänzt die Verbindung des Teufels zu einer anderen Karte: Mit dem Magier zusammen bildet er ein Echo auf Cautopates und Cautes aus dem altpersischen Kult um den Sonnengott Mithras, die für den Frühlings- und den Herbstpunkt im Jahreskreis stehen. Nicht umsonst ist der Magier mit Rosen und Lilien umkränzt (sie blühen etwa ab Mai) und nicht umsonst endet der Schweif des weiblichen Unterteufels in einer großen Weintraube (die im Herbst reif ist).

Haben Sie sich nie gefragt, warum dieser Schweif AUSGERECHNET in einer WEINTRAUBE endet?

Die Hierophanten dagegen waren Priester, die um die Mysterien hinter dem Jahreskreislauf und ihren Wendepunkten wussten und die alljährlich die Gläubigen in die Mysterien von Eleusis eingeweiht hatten. Das geschah übrigens über einen Zeitraum von fast zweitausend Jahren, bis der Kult schließlich vom (christlichen) römischen Kaiser Theodosius I. verboten wurde.

Der Teufel steht hier also auch für eine der Kräfte, die den Kreislauf des Werdens und Vergehens antreiben.

Das gilt selbstverständlich nicht nur auf der banalen Ebene der Jahreszeiten mit ihren äußerlichen Naturerscheinungen, auf der fast ebenso banalen Ebene der Übertragung dieses Jahreskreislaufs auf das Werden und Vergehen im menschlichen Leben, sondern auch und ganz besonders auf psychischer Ebene.

Ich möchte das gerne konkret beschreiben: In der Lebensmitte tauchen einige existenzielle Fragen auf, an denen wir resignieren und zerbrechen können, aber an denen wir auch wachsen und uns erfüllen können: Was steckt in uns, das noch werden möchte? Was kann dafür in den Hintergrund treten? Was sind vergeudete Chancen, denen wir noch immer nachtrauern, die wir aber loslassen sollten (übrigens ein Thema der Karte Der Tod, auf dessen Banner wir auch folgerichtig ein dem umgekehrten Pentagramm erstaunlich ähnliches Symbol erkennen).

Wir haben in dieser Lebensmitte bisher viel Disziplin aufgewendet, um unser Leben zu gestalten, eine Familie zu gründen, einen Beruf auszufüllen, unseren Platz in der Gesellschaft zu finden. Jede Disziplin erfordert Verzicht und Opfer, führt zu ungelebtem Leben, vieles davon landet in unserem Schatten. Und gerade zur Bewältigung der zweiten Lebenshälfte scheint mir eine nähere Betrachtung dieser Schatten eine wertvolle Hilfe zu sein. Die Erkundung dessen, was bislang noch zu wenig Platz hatte, kann ein Motor der Erfüllung und Reifung sein.

Zu guter Letzt noch eine Anekdote aus der unbestechlichen Wissenschaft der Mathematik.

Wir lächeln heutzutage müde über den Teufel und die Mythen rund um ihn. Die Zahl des Tieres „666“ hat wahrscheinlich jeder schon einmal auf einem Autokennzeichen gesehen. Banalisiert und säkularisiert, der Teufel als milde anzüglicher Scherz also? Und doch gibt es so etwas mysteriöses wie „Belphegors Primzahl“: Man nehme eine „666“, schreibe links und rechts je 13 (dreizehn!) Nullen und begrenze alles durch Einsen:

1000000000000066600000000000001

Das ist eine Primzahl. Und man kann sie rückwärts wie vorwärts lesen. Es gibt schon merkwürdige Erscheinungen in der Unendlichkeit der Zahlentheorie.

Die 666 erhält man auch, wenn man die ersten 7 (sieben!) Primzahlen jeweils mit sich selbst multipliziert und addiert:

2²+3²+5²+7²+11²+13²+17² = 4+9+25+49+121+169+289 = 666

Schon etwas … merkwürdig. 😉

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