Karte im Detail: 8 Schwerter

Alle Abbildungen: Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlages, Krummwisch, © Königsfurt-Urania Verlag, Krummwisch / Deutschland. www.koenigsfurt-urania.com

Nach all den theoretischen Ausführungen möchte ich nun eine erste Tarotkarte im Detail beleuchten. Üblicherweise wird dabei mit den großen Arkanen begonnen, dann kommen einige Ausführungen über die 4 Farben, die Hofkarten und schließlich die kleinen Arkanen Farbe für Farbe nach ihrer Nummerierung. Ich möchte stattdessen mit der „8 der Schwerter“ beginnen.

Die 8 der Schwerter ist eine hochinteressante Karte, die zudem in fast allen Tarotbüchern (zumindest aus meiner Sicht) falsch beschrieben wird. Da sei jemand in eine missliche Lage geraten, gefesselt und sogar handlungsunfähig. Waite selbst – stets ebenso bemüht nichts komplett Falsches wie keinesfalls die geheim zu haltende „Wahrheit“ zu schreiben – merkt immerhin an, es sei „eher eine Karte vorübergehender Gefangenschaft als auswegloser Fesseln.“ [A. E. Waite: der Bilderschlüssel, Urania, 2005], Banzhaf sieht darin einen „Ausdruck von Hemmungen und Verboten“ [H. Banzhaf: Das Arbeitsbuch zum Tarot, Kailash, 2004], für Schwarz „stehst du dir selber im Weg“ [L. Schwarz: Im Dialog mit den Bildern des Tarot, AGMüller Urania, 2005], Pollack sieht „Gefühle von Hilflosigkeit, Schwäche, Gefangenschaft“ [R. Pollack: Tarot Weisheit, Königsfurt-Urania, 2009], usw.

Wenn man sich aber einmal die Mühe macht, das Bild wirklich und ernsthaft zu betrachten, ist die Frau im roten Gewand nichts weniger als handlungsunfähig oder in misslicher Lage.

Wie geht man bei einer solchen Betrachtung vor? Wenn ich mir eine Tarotkarte näher erschließen will, dann versuche ich zunächst, möglichst viel von der Umgebung, sozusagen dem „Bühnenbild“ zu erfassen, in das Pamela Colman Smith ihre Figur(en) „in Szene“ gesetzt hat. Erstes Ziel ist eine genaue Faktensammlung, Deutungen sollten erst etwas später folgen, wenn wir möglichst viel vom Bild erfasst haben. Wenn mir aus zeichnerischen Gründen unklar ist, was ein bestimmtes Objekt in der Szenerie darstellen soll, dann notiere ich mir meine Mutmaßungen dazu. Wichtig ist, die Fülle des Dargestellten in einem ersten Schritt nach Möglichkeit neutral zu erfassen und sich nicht gleich auf bestimmte Details und deren „Bedeutung“ zu fixieren.

Fangen wir an. Zunächst fällt uns vielleicht der graue Himmel auf, der schon recht viel der Hintergrundfläche einnimmt. Dann gibt es im Hintergrund einen Felsen mit einer Burg. Auch der Felsen und der größte Teil der Burg sind grau. Zusammen mit dem Himmel sind gut 3/4 des Hintergrunds grau. Ein paar Berge sind in weiter Ferne zu erkennen, vor den Bergen sehen wir eine größere Wasserfläche, die bis an den Burgfelsen reicht. Das Meer? Ein See? Oder nur ein breiter Fluss? Der Boden bei der Frau ist beige bis braungrün und ebenfalls von Wasserflächen durchzogen. Das könnte ein Ausläufer des größeren Gewässers sein, eine Wasserlache, ein kleines Rinnsal oder Bächlein, ein Priel im Wattenmeer usw.

Wir befinden uns an einer Küste, weder Sonne noch Mond oder Sterne sind zu sehen, es ist also bedeckt oder dämmerig. Bis hier haben wir übrigens noch nichts interpretiert, sondern nur versucht, das was wir sehen möglichst genau festzuhalten.

Nun zur eigentlichen „dramatischen Szene“:

Eine Frau steht da. Sie trägt ein rotes langes Gewand, ein breites graues Band ist um ihren Körper gewickelt, etwa vom Becken bis an den Brustkorb. Ein ebenfalls graues Band ist vor ihre Augen gebunden. Ihre schwarzen Haare scheinen im Wind zu wehen, auch der Saum des Kleides sieht so aus, als ob ihn der Wind erfasst hätte. Die Haltung der Frau ist aufrecht und gerade, die Schultern sind waagrecht, also weder gesenkt wie ein Opferlamm mit hängenden Schultern noch zum Schutz hochgezogen, lediglich der Kopf ist leicht nach vorne geneigt.

Spätestens hier kommen erste Zweifel an der üblichen Interpretation: Das ist nicht die geknickte oder niedergeschlagene Körperhaltung von jemandem in misslicher Lage! Sehen wir uns noch die Füße an: Ein Mensch ohne Orientierung im unsicheren Gelände hätte die Füße nicht so nahe zusammen, sondern würde versuchen, mit etwas breiterem Auftreten einen sicheren Stand zu halten. Die gesamte Körpersprache sagt eigentlich: Da steht eine Frau mit höchster Konzentration. Auch der nur leicht gesenkte Kopf und die etwas angespannten (aber keinesfalls verkrampft oder ängstlich wirkenden) Gesichtszüge passen dazu.

Einen ähnlichen Gesichtsausdruck kennen wir vom Magier: Auch er hat in größter Konzentration den Kopf leicht nach vorne geneigt und hat einen vergleichbaren Ausdruck um den Mund. Auch er hat schwarze Haare, die vielleicht ebenfalls vom Wind bewegt werden und mit seinem Grübchen am Kinn könnte er beinahe der Bruder unserer Dame der 8 Schwerter sein. Sein Band trägt er freilich nicht mehr über den Augen, sondern auf der Stirn.

Schauen wir uns das Bild weiter an: Auf beiden Seiten der Frau stecken Schwerter im Boden, drei zur von ihr gesehen rechten Seite, die restlichen fünf zu ihrer linken Seite. Auch von den Schwertern lässt sich nicht ableiten, dass die Frau in einer unangenehmen Lage wäre. Die Spitzen stecken in der Erde, es gibt auch keine bedrohlichen weiteren Personen auf der Karte (die Pamela Colman Smith mit Leichtigkeit hätte unterbringen können). Hinter ihr ist eine Lücke zwischen den Schwertern, rechts von ihr ebenfalls, vor ihr und links von ihr auch. Die Frau steht nicht in, sondern ein gutes Stück vor der Reihe der 5 Schwerter an ihrer linken Seite, möglicherweise ist sie durch die Lücke hinter ihr in diese merkwürdige Schwerter-„Formation“ (ein Kreis ist es ja auch nicht) hineingetreten.

A propos getreten: Wo steht sie denn eigentlich? Ein Fuß befindet sich auf dem Boden, der andere im oder auf dem Wasser. Auch das kennen wir schon: Die Mäßigkeit hat ebenfalls einen Fuß auf dem Boden und den anderen im Wasser, der Stern hat einen auf dem Boden und den anderen auf der Oberfläche des Wassers. Wasser (=Kelche) und Erde (=Münzen) sind zwei der vier Elemente im Tarot. Zufall? Jemand, der gerade im Sumpf steckt oder gar versinkt, sieht jedenfalls anders aus als die Dame der 8 Schwerter.

Gibt es – neben den Füßen – weitere Verbindungen zur Mäßigkeit oder zum Stern? Betrachten wir einmal die Zahlenwerte: Die 8 der Schwerter korrespondiert mit der Zahl 17 des Sterns, deren Quersumme ebenfalls 8 ist. Auch beim Stern stehen die Elemente Erde und Wasser im Zentrum, beide werden durch die nackte Figur mit ihren zwei Karaffen begossen und damit „genährt“. Wir können uns vorstellen, dass unsere Heldin der 8 Schwerter auf einem solcherart genährtem Boden (und Wasser) steht.

Mit der Zahl 8 gibt es noch eine weitere Karte, die wir uns ansehen sollten: Die Gerechtigkeit. Bei Waite ist sie zwar mit einer „11“ nummeriert, beim Rest der Welt aber mit einer 8.

Fällt Ihnen das Schwert in der Hand der Gerechtigkeit auf? Das rote Gewand? Der rote Vorhang zwischen den (grauen!) Säulen im Hintergrund? Die Gerechtigkeit muss abwägen und nutzt dazu die Kräfte des Schwertes (nämlich das Element Luft und dessen geistige Kräfte). Sie sucht die Balance, die nie nur schwarz oder weiß sein kann, sondern immer eine grau-Schattierung. Ein leises Echo dieser sehr archetypischen Figur finden wir in der Dame der 8 Schwerter, die mit verbundenen Augen wohl ebenfalls eine Balance sucht – zwischen den Elementen Erde und Wasser. Wir kennen übrigens zahllose Darstellungen der Gerechtigkeit, bei denen sie ebenfalls und aus gutem Grund eine Augenbinde trägt.

Die oben bereits genannte Mäßigkeit hat die Nummer 14. Also rein von der Zahl her doch keine Verbindung zur 8 der Schwerter? Sehen wir nochmal hin: Mit unserem schon einmal angewandten „Trick“ der Reduktion einer Zahl über ihre Quersumme landen wir ausgehend von der 14 der Mäßigkeit bei einer 5. Und ebenso viele Schwerter befinden sich hinter der Frau auf unserer 8 der Schwerter auf der von ihr gesehen linken Seite. Das Rot des Gewandes ist bei der Mäßigkeit in die Flügel gewandert, wird hier also quasi umgedeutet als ein Organ, mit dessen Hilfe ich mich in der Luft bewegen kann.

Wir werden gleich noch sehen, dass gerade die Verbindung des Herzens und seiner roten Farbe mit dem Element Luft ein substanzielles Element unserer Karte ist.

Betrachten Sie ansonsten ruhig auch einmal benachbarte Karten bei solchen „Parallelen“. Auf die Mäßigkeit folgen zwei „Nachtkarten“ – der Teufel und der Turm mit pechschwarzem Hintergrund. Ebenso sieht es nach der 8 der Schwerter mit der 9 der Schwerter und der 10 der Schwerter aus: auch sie sind Nachtkarten mit schwarzem Hintergrund. Und beide „Vorgängerkarten“ haben einen grauen Hintergrund – wir befinden uns also in einem Zwischenzustand oder Übergang zwischen einem klaren, sonnigen Himmel und dem Nachthimmel der Folgekarten, oder psychologisch zwischen einem bewussten und einem unbewussten Zustand.

Versuchen wir uns nach der Betrachtung all der parallelen Karten nun in einer (vielleicht nur vorläufigen) Interpretation.

Für mich persönlich wirkt das Ganze wie eine rituelle Szene, in der sich die zentrale Figur sehr konzentriert und sicher bewegt. Durch ihr rotes Kleid wirkt sie als Figur gegen den grauen Hintergrund doppelt hervorgehoben, selbst wenn sie nicht die einzige Person auf der Karte wäre. Es ist ganz alleine ihre „Show“.

3 Schwerter. Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlages, Krummwisch

Eine „dramaturgisch“ ähnlich gestaltete Karte ist die 3 der Schwerter: Bei ihr ist das Muster der roten Figur im Vordergrund vor einem grauen Hintergrund sozusagen auf die Spitze getrieben. Das Bild besteht ausschließlich aus diesen beiden Elementen!

Jeder gute Bühnenbildner weiß, wie er seine Figuren bestmöglich „in Szene“ setzen kann und Pamela Colman Smith hatte viel für das Theater gearbeitet. Achten Sie beim nächsten Theater- oder Opernbesuch einmal darauf, wie viel von der Bühne in grau gehalten ist.

Zurück zu unserer Frau mit dem roten Kleid. Wie wirkt ihre Körpersprache auf uns? Alles an ihr wirkt kontrolliert und keinesfalls unter Zwang. Womöglich hält sie sogar die losen Enden des grauen Bandes hinter ihrem Rücken in den Händen, wer weiß?

Der Magier. Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlages, Krummwisch

Wie wir schon vorher festgestellt haben, teilt sie eine Reihe von Merkmalen mit dem Magier, bis hin zum roten Umhang, und doch ist sie ganz anders. Keine Spur von der fast schon triumphalen, demonstrativen Geste „wie oben so unten“ des Magiers, stattdessen finden wir ein intensives „Hinspüren“, das ganz bewusst – so scheint es jedenfalls mir – auf sonst „normale“ Möglichkeiten verzichtet. Sehen? Schalten wir mal mit der Augenbinde aus. Tasten? Die Arme sind hinter dem Rücken. Freier Weg? Die Schwerter bilden so etwas wie Zäune, die manche Wege abschneiden.

Und dann ist da noch das Band um die Leibesmitte. Als Fesselung wirkt es nicht besonders überzeugend, es sieht ohnehin eher aus wie ein Schal als wie ein Seil, aber es scheint zumindest symbolisch die sonst mit „Intuition“ oder „Bauchgefühl“ assoziierten Regionen des Körpers zu binden. Wer mit Chakren arbeitet, denke hier gerne auch an die untersten drei Chakren.

Aber das Herz ist frei! (Und das Kehlkopf-Chakra darüber ebenfalls…) Kann es sein, dass in einer Schwerter-Karte, die ja mit den Kräften des Verstandes und des Denkens zu tun haben sollte, das Herz die zentrale, die einzige Figur leitet? Auch die rote Farbe des Kleides weist auf das Thema „Herz“ hin. Sich vom oben angesprochenen „Bauchgefühl“ oder vom Herzen leiten zu lassen, sind übrigens unterschiedlichen Dinge.

Mit dem Herzen wären wir wieder bei der optischen Parallele zur 3 der Schwerter, die das Herz ins Zentrum stellt, aber andere Aspekte von „Herz – Schwerter“ behandelt als unsere 8 der Schwerter.

Jedenfalls bewegt sich die Frau (wie die Mäßigkeit und wie der Stern aus den großen Arkanen) zwischen den Elementen Erde – unserem materiellen Dasein und unseren Ressourcen – und Wasser – unserer emotionalen Ebene, den Gefühlen und Wünschen. Die Mäßigkeit als auffällige Parallele steht nicht nur in beiden Welten, sondern mischt auch – in einem quasi magischen Vorgang die Essenzen zweier Kelche. Crowley hat hier sehr richtig für diese Karte die Alchemie ins Spiel gebracht, denn es wird eine Synthese aus zwei ganz unterschiedlichen Elementen gebildet. Das ist letztlich auch das, was unsere Heldin der 8 Schwerter versucht, wenn auch im „menschlichen“ Maßstab und nicht als der Erzengel der Karte „Mäßigkeit“.

Der Verstand, die Schwerter, stecken die Grenzen für diesen Weg, das dazugehörige Element Luft weht sogar als Wind durch die ganze Szene. Es wird aber klar, dass er nicht mehr nur mit ihm alleine beschritten werden kann. Vielleicht sind die Schwerter auch ein Schutz gegen andere, die nicht in diesen Ritus, dieses magische Experiment eindringen sollen: Wohin trägt mich mein Herz, wenn ich ihm alleine die Führung anvertraue?

Der Wagen. Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlages, Krummwisch

Die graue Burg schließlich erinnert an die graue Burganlage im Hintergrund des Wagens – der Karte, die für das Verlassen des sicheren und fest gefügten Refugiums steht, ohne dass man sich freilich über die genaue einzuschlagende Richtung schon im Klaren wäre. Als graue Burg ist sie ein klassischer Hintergrund, also etwas das den Vordergrund – unsere rot gekleidete Figur – erst richtig zur Geltung bringt. Ob unsere Frau der 8 Schwerter schon ihr Refugium verlassen will, das wissen wir freilich nicht. Im Moment ist es einfach da und gibt ihr nicht nur eine Fläche zur eigenen Entfaltung (wie es auch der graue Himmel bietet), sondern eine verlässliche, in Stein gehauene Basis für ihre magischen Experimente. Weitere Burgen finden wir übrigens beim König der Münzen (klar!), bei der 3 der Münzen im Detail, bei der 4 der Münzen, bei der 6 der Münzen, bei der 8 der Münzen, bei der 9 der Münzen, bei der 10 der Münzen im Detail, bei der 5 der Kelche als Ruine, bei der 6 der Kelche im Detail, bei der 7 der Kelche als Phantasie, bei der 4 der Stäbe, aber bei keiner einzigen weiteren Schwerter-Karte. Burgen scheinen also eher zu den Elementen Erde (Münzen) und Wasser (Kelche) zu gehören, was wieder zum Motiv der Füße in diesen beiden Elementen passt.

Und das scheint mir das eigentliche Mysterium dieser Karte zu sein: Die Vereinigung von Erde und Wasser – den beiden weiblichen Elementen im Tarot – über das (männliche) Element der Luft – neben den Schwertern hier auch über den allgegenwärtigen Wind dargestellt. Damit das gelingt, steckt die Luft zwar den Rahmen ab, lässt aber dann das Herz agieren.

Der Gehängte. Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlages, Krummwisch

Der rituelle Charakter der Karte zeigt auch eine gewisse Verwandtschaft mit dem Gehängten (der lustigerweise ebenfalls das Schicksal einer populären Fehlinterpretation mit ihr teilt). Auf beiden Karten führt jemand eine Zeremonie, ein „magisches Experiment“, wenn man so will, mit den innersten Kräften seiner selbst durch. Der Gehängte arbeitet dabei mit sich selbst als ganzer Person, die er in eine besondere und reichlich ungewöhnliche Position bringt, ja sich dieser Position aussetzt (warum, das wird an anderer Stelle noch zu erläutern sein). Die Dame der 8 Schwerter dagegen reduziert sich, schränkt sich Teile Ihrer Fähigkeiten selbst ein (Sicht, Bewegung usw.), um umso konzentrierter mit einem ganz bestimmten Aspekt ihrer selbst zu arbeiten.

Was sagt mir nun die 8 der Schwerter, wenn ich sie ziehe? Wo darf / sollte mein eigener Verstand vielleicht einmal die Kontrolle abgeben, weil er zwar den Rahmen erschließen kann (die Schwerter um die Figur), aber mich nicht mehr auf dem Weg durch die Sphären der Erde und des Wassers leiten kann? Wo befinde ich mich selbst in einem Akt der Balance zwischen meinen Ressourcen (Erde) und meinen Gefühlen (Wasser)? Wo suche ich diese Balance? Kann ich es wagen, diese Balance nicht alleine mit den „Bordmitteln“ meines Verstandes zu finden?

Wir stehen aber nicht nur mit je einem Fuß auf der Erde und im Wasser, umringt von 8 Schwertern, sondern die gesamte für uns im Moment sichtbare Welt (die „Bühne“ der Karte 8 der Schwerter) ist genau so gebaut: Wir befinden uns vor einem großen Gewässer, das bis zum Felsen der Burg reicht, und darüber weht der Wind. Die Burg auf dem Fels, die wir vielleicht gerade eben verlassen haben, verspricht Schutz. Es ist auch ein Schutz vor dem, was wohl in diesem großen Gewässer lauern mag. Wenn auf Bildern ein Meer oder ein großer See dargestellt wird, ist sehr oft unser Unbewusstes damit gemeint. Der Fuß im Wasser könnte einen ersten Kontakt damit außerhalb des geschützten Refugiums der Burg bedeuten.

Möglicherweise hilft uns bei unserem Unterfangen ein freiwilliges Aufgeben von bewusster Kontrolle, von Schutzmechanismen (Hände). Damit verbunden ist auch das Aufgeben von Manipulationen (manus = Hand) oder davon, etwas „im Griff“ zu haben, zu „begreifen“. Letztlich geht es darum, sich auf den Weg des Herzens zu verlassen. Wir sehen hier – um mit Saint-Exupéry zu sprechen – mit dem Herzen und nicht mit den (verbundenen) Augen.

Die Augenbinde hilft, den Weg zu finden.

Bis jetzt haben wir – außer bei den Korrespondenzen zu ein paar weiteren Karten – noch gar nicht über die Zahl(en) dieser Karte nachgedacht. Bei Zahlen gibt es eine Reihe ganz unterschiedlicher Zugänge und Traditionen zu deren Bedeutung, sofern wir über eine profane Funktion des bloßen Abzählens von Gegenständen hinaus gehen wollen. Aber vielleicht gibt es auch einige ganz intuitiv-psychologisch zugängliche Bedeutungen?

Die 8 wird oft als eine Zahl des Neuanfangs oder Übergangs in eine neue Ebene gesehen, am achten Tag fängt eine neue Woche an, die achte Note einer Tonleiter befindet sich auf einer höheren Oktave (octave = lateinisch für „die achte“). Das passt eigentlich recht schön zu unserer Karte, in der ein ritueller Vorgang zu einer neuen (Bewusstseins-)Ebene führen kann. Im Buddhismus ist übrigens der „Edle Achtfache Pfad“ zur Erlangung des Nirvana ein zentraler Bestandteil der Lehre. Die 8. Karte der großen Arkanen in traditionellen Tarot-Decks ist die Gerechtigkeit, die ebenfalls eine Ausgleichung (der „Dinge“ in ihren Waagschalen) zum Thema hat. Waites Abweichung (das 8. große Arkanum ist bei ihm – und seinen zahlreichen Epigonen – die Kraft) zugunsten einer recht oberflächlichen astrologischen Zuordnung würde ich persönlich hier mal außen vor lassen. Für mich passt – nicht nur in diesem Kontext – die Gerechtigkeit besser.

8 Schwerter. Mit freundlicher Genehmigung des Königsfurt-Urania Verlages, Krummwisch

Wenn wir die Positionen der Schwerter ansehen fällt auf, dass die 8 asymmetrisch in zwei Primzahlen geteilt wurde: 3 Schwerter auf einer Seite und 5 Schwerter auf der anderen. Hier könnte die 3 auf den Dreiklang aus Erde, Wasser und Luft hindeuten, die zentrales Thema der Karte sind. Mir kommt spontan dazu das Sprichwort „Aller guten Dinge sind drei“ in den Sinn. Aber nicht nur Gutes, sondern sogar Heiliges steht in enger Verbindung mit der 3: Die christliche Dreieinigkeit ebenso wie Isis, Osiris und Horus, aber auch die Dreifaltigkeit im Neuheidentum (Jungfrau, Mutter und altes Weib). Zwei dieser drei Schwerter befinden sich schon hinter unserer Heldin, das dritte muss sie mit ihrem Ritus noch hinter sich lassen (also psychologisch gesehen „integrieren“). In vielen Märchen gibt es übrigens drei Feen, drei Hexen oder drei Prüfungen für den Helden (oder die Heldin in unserem Fall). Bei den großen Arkanen ist die 3 die Karte die Herrscherin – ein weiblicher Archetypus des (inneren) Wachstums und der Fruchtbarkeit.

Und auch die verbleibende 5 ist eine ganz offensichtlich wichtige Zahl: Wir haben 5 Sinne, 5 Finger, und nicht zuletzt ist die 5 auch die Zahl der „Quintessenz“ (des „5. Elements“ neben Feuer, Wasser, Erde und Luft). Das Pentagramm, das die Scheiben oder Pentakel im Tarot ziert hat aus diesem Grund 5 Spitzen – für die 4 Elemente und die Quintessenz. Diese 5 Schwerter scheinen so etwas wie die Basis (oder auch die Rückendeckung) zu sein, von der aus unsere Heldin ihren Ritus durchschreitet. Bei den großen Arkanen ist die 5. Karte dann auch der Hierophant, der als Ansammlung der Weisheit bestimmt keine schlechte Ausgangsposition für solch ein Unternehmen ist.

Zuletzt noch – und das ist eine Bedeutungsebene, die primär nur im deutschen Sprachraum funktioniert: Die Acht ist natürlich auch in der Achtsamkeit enthalten, was mir ein recht passender Abschluss zu unseren Betrachtungen zu sein scheint.

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