1. Was ich über Tarot gelernt habe, was ich nicht gelernt habe und was ich vielleicht noch lernen werde.

Die bunten Karten begleiten mich jetzt schon seit ein paar Jahrzehnten, nachdem ich als Jugendlicher – auf der Suche nach „okkulten Wahrheiten“ – darauf gestoßen war. Damals (Anfang der 80er Jahre) hatte ich meine erste Begegnung mit esoterischer Literatur, war abwechselnd begeistert, skeptisch und verwirrt. Rudolf Steiner konnte also Auren sehen, hmm, und Aleister Crowley hatte, so hieß es wenigstens,  mindestens eines seiner Bücher mit Hilfe der Einflüsterungen von einem Dämon geschrieben. Wie das wohl war – „Herr Crowley bitte zum Diktat“?

Am interessantesten aber waren die Tarotkarten. Sie gab es aber nicht nur vom Herrn Crowley, sondern auch noch von einem gewissen Rider Waite. Außerdem konnte man ja auch noch pendeln, Horoskope ausrechnen und Herr von Däniken berichtete über außerirdische Mayas. So in etwa stellte sich mir das damals dar. Mit 14 Jahren ist die Welt verwirrend, aber wenigstens noch übersichtlich.

Ein paar Jahre später habe ich dann Psychologie studiert und meine esoterischen Interessen wurden erst einmal zurückgestellt für die rationale Sicht der Naturwissenschaft und ihre Erklärungsmodelle dafür, was uns Menschen im Innersten bewegt. Geblieben ist mir aber stets die Faszination der Tarotkarten, ihr noch nicht einmal auf den zweiten oder dritten Blick vollständig durchschaubarer Reichtum an Symbolen und Bedeutungsebenen, aber auch mein Staunen über die „Treffsicherheit“ dessen, was mir die Karten bei jeder Legung eröffneten.

Wie war das möglich? Also doch so etwas wie Magie?

Viele Kenner des Tarot würden sagen: Ja klar, da ist definitiv noch „mehr“ dahinter. Die wahrscheinlich meisten Bücher zum Thema Tarot beschäftigen sich mit dem „wahrsagerischen“ Aspekt der Karten. Trotzdem ist die Divination nicht die einzige Seite des Tarots, die betrachtenswert ist. Arthur Edward Waite (der mit-Schöpfer des heute bekanntesten Tarots) hielt zum Beispiel von dieser Sicht herzlich wenig. Ihm waren die (damals streng geheim gehaltenen) Aspekte eines spirituellen Reifungsprozesses, der sich in den Karten widerspiegelt viel wichtiger. Spätere Interpreten sahen in den 22 großen Arkanen die Darstellung einer Heldenreise, wie wir sie in vielen Mythen der Welt finden und wie sie in allgemeiner Form Joseph Campbell in seinem richtungsweisenden Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ beschrieben hat.

Wieder andere Tarot-Autoren sahen in den Karten eine Überlieferung altägyptischer Weisheit oder verbanden die 22 großen und 56 kleinen Arkanen mit anderen hermetischen Wissensgebieten wie der Astrologie, der Alchemie oder mit den tiefgründigen Aspekten der Kabbala. Auch Verknüpfungen mit dem Neuheidentum, mit Schamanismus, Runen, I Ging, dem hebräischen Alphabet, Numerologie, indianischer Religion usw. gab es. Wenig davon ist bei näherer Betrachtung wirklich überzeugend und in sich stimmig, obwohl jedes dieser esoterischen Systeme für sich genommen sehr wertvoll und hilfreich sein kann.

Und Psychologie? Hier finden wir vieles in der Nachfolge von C. G. Jung: Die Arkanen als Archetypen, das Verfahren des Kartenlegens als ein Prozess der Synchronizität – Jung hat sich intensiv mit verschiedenen Aspekten des „Okkultismus“ beschäftigt.

Speziell die von Jung direkt beschriebenen Archetypen finden wir direkt 1:1 in unseren Karten: der Schatten (der Teufel), der Alte (der Eremit), das Kind (die Sonne), die Mutter (die Herrscherin), das Mädchen (die Hohepriesterin), Anima (Kraft) und Animus (der Magier). [z.B. Zum psychologischen Aspekt der Korefigur, Edition C.G. Jung, Patmos, Band 9/I, Patmos]

Ganz schön viel, oder? Dazu noch unterschiedlichste Lesarten der Karten, von den Myriaden verschiedener Decks ganz zu schweigen. Und das waren jetzt nur ein paar Stichworte zu Themen, die ich persönlich kennenlernen durfte. Und ich kenne ganz bestimmt nicht alles, was man über Tarot wissen kann.

Die Frage stellt sich also:

Bringt man das alles noch unter den sprichwörtlichen Hut oder endet man in einer vollständigen Beliebigkeit?

Ist denn – ganz ketzerisch gefragt – vielleicht eine solche Beliebigkeit am Ende sogar das Erfolgsrezept des Tarot, weil sich niemand wirklich festlegen muss? Nach dem Motto: „Widersprüche zwischen verschiedenen Lesarten? Egal! Soll jeder mal machen, wie’s grad passt.“

Dieser Blog soll dazu dienen, die Dinge etwas zu ordnen und dazu meine ganz persönliche Sicht des Tarot darzulegen. Es soll nachvollziehbar sein, dass der Tarot als extrem reichhaltiges Symbolsystem offene Punkte in uns sozusagen „zum Schwingen“ bringen kann. Und zwar höchst präzise. Ich möchte auch zeigen, was man dafür konkret tun kann und was man dabei wissen sollte.

Zum Schluss noch ein etwas paradox klingender, aber für den Umgang mit den Karten sehr wichtiger Punkt: Damit uns die Karten genau die richtigen Botschaften sagen können, die komplett „ins Schwarze“ treffen, muss ein gewisses Vertrauen darauf vorhanden sein, dass sie genau dazu in der Lage sind. Das ist so in etwa wie die Sache mit den Placebos: In einem Placebo steckt kein „Wirkstoff“ im eigentlichen Sinne, aber trotzdem haben sich Placebos in vielen Studien (je nach Krankheitsbild freilich unterschiedlich ausgeprägt) als sehr wirksam gezeigt, auch gegenüber „echten“ Medikamenten, z.B. Schmerzmitteln. Wir müssen nur davon überzeugt sein, den Rest macht ein bis heute nicht ganz verstandenes Zusammenspiel von Körper und Geist.

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